Treptow-Köpenick – Nachhilfelehrer gesucht für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Wir suchen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge weitere MitstreiterInnen für den Deutsch-Nachhilfe-Unterricht.

Zur Auswahl stehen folgende Termine:
Montag oder Mittwoch von 18:30 – 20:00 Uhr, Wuhlheide – Nähe Tramstation FEZ.
Dienstag oder Donnerstag 19:00-21:30 Uhr Nähe S-Köpenick.

Bitte melden Sie sich bei: arbeitsgruppe_flucht+menschenrechte@lists.riseup.net

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Veröffentlicht unter Abschlussorientierte Qualifizierungen mit integrierter Sprachförderung, AG F+M Deutschunterricht/Deutschkurse für Flüchtlinge und Asylsuchende - (منظمة لمساعدة اللاجئين و حقوق الانسان (تعليم اللغة الالمانية, Asylbewerber طالبي اللجوء, Ehrenamtlich Flüchtlinge unterstützen helfen Berlin Köpenick, Flüchtlinge - اللاجئين, Solidarität statt Ausgrenzung – Flüchtlinge willkommen!, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF)

Reinbeckhallen sechs Wochen lang frei – Nutzung Handwerks- und Kunstinteressierte

In den Reinbeckhallen haben Handwerks- und Kunstinteressierte die Möglichkeit, sechs Wochen lang die Räumlichkeiten mit anderen zu nutzen, zu teilen und in einen Austausch zu kommen. Die mehrsprachige Einladung findet Ihr im AnhangEinladung – Co-Arbeitsraum.

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Studie über Muslime: Hälfte der Flüchtlinge verweigert Handschlag

Diese Studie deckt sich mit unseren Erfahrungen, auch in unserer ehrenamtlichen Arbeit ist die Verweigerung weiblichen Ehrenamtlichen die Hand zu geben ein Problem. Die Studie beleuchtet noch andere Themen, es lohnt sich den Artikel zu lesen.

Zum Artikel

Veröffentlicht unter Abschiebung von Asylbewerbern/Flüchtlingen - ترحيل اللاجئين, Asyl von Christen, Asylbewerber طالبي اللجوء, Aufklärung über den Islam, Europäisierung oder Islamisierung?, für Flüchtlinge mit psychischen Problemen, Flüchtlinge - اللاجئين, Gleichberrechtigung I د جندر مساوات I Gender equality I المساواة بين الجنسين, ISLAM Islamists Islamismo الإسلامية al-ʾislāmiyyah إسلام سياسي ʾIslām siyāsī, Islam und Menschenrechte, Solidarität statt Ausgrenzung – Flüchtlinge willkommen!, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF)

DISKUSSION: Alle Befürchtungen sind wahr geworden ! Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) Rainer Wendt unzensiert

In einer Sachverständigenanhörung im Innenausschuss des Deutschen Bundestages nahm Raeiner Wendt dazu Stellung , ob das Parlament einen gesonderten Beauftragten ernennen soll, der parallel zur Staatsanwaltschaft ermittelt, wenn den Einsatzkräften strafrechtlich relevante Vorwürfe gemacht werden. Sein Fazit: Eine politische Paralleljustiz brauchen wir mit Sicherheit nicht. Unser Vertrauen haben unabhängig und überparteilich ermittelnde Staatsanwaltschaften, die gestärkt werden müssen. Es kann nicht sein, dass gegen die Polizei solange „ermittelt“ wird, bis Linken und Grünen die Ergebnisse passen!

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ARRIVO Übungswerkstätten Praxisprojekts für geflüchtete Frauen

Vierter Durchlauf des ARRIVO Übungswerkstätten Praxisprojekts für geflüchtete Frauen im Umfang von insgesamt sechs Wochen vom 04.09.-13.10.17. Ziel ist eine Berufsorientierung und -vorbereitung für den handwerklichen Bereich für geflüchtete Frauen. Mehr dazu in der Projektbeschreibung auf Deutsch (im Anhang), Französisch, Arabisch und Farsi.

ARRIVO_Übungswerkstätten_für_Frauen_Infoblatt_Aug_Okt_deutsch

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Notunterkunft adé: Sanierte Merlitzhalle an das Sportamt übergeben

Am 10.08.2017 wurde die sanierte Sporthalle durch das Facility Management an das Sportamt übergeben. Seit Oktober hatten die umfangreichen Sanierungsarbeiten angedauert. Immer wieder war es zu Engpässen gekommen, wurde der Fertigstellungstermin verschoben.
So müssen die Ausschreibungsfristen beachtet werden. Um einen Auftrag auslösen zu können, vergehen ca. 8 Wochen. Die beauftragten Firmen hielten oft Termine nicht ein. Zuletzt gab es Probleme mit der Lieferung der Prallwände. Hier handelt es sich um speziell angefertigtes Holz für Sporthallen, das nicht lieferbar war. Bis auf wenige kleinere Restarbeiten ist die Merlitzhalle wieder hergestellt und kann ab September sowohl für den Schul- als auch den Vereinssport genutzt werden.
Die Schule in der Köllnischen Vorstadt und die Schule an der Dahme werden die Merlitzhalle für den Schulsportunterricht ab der 2. Unterrichtswoche im neuen Schuljahr so lange nutzen, bis ihre eigene Sporthalle in der Glienicker Straße saniert ist. Dazu werden durch das Schulamt organisierte Busse von Montag-Freitag voraussichtlich in der Zeit zwischen ca. 8:00 und 14:30 Uhr die Schülerinnen und Schüler in die Sporthalle fahren und von dort wieder in die Einrichtungen bringen. Finanziert wird das Ganze durch das „Bündnis für den Schulsport“, das durch den Senat auf Grund der flüchtlingsbedingten Einschränkungen ins Leben gerufen wurde.
Aber auch für die Sportvereine wird durch die Hallenfreigabe wieder Normalität in das Vereinsleben eintreten. Die ca. 9 Sportvereine mit ihren ganz unterschiedlichen Angeboten werden durch das Sportamt am 31.08.2017 in die frisch sanierte Sporthalle eingewiesen. Ab September steht die Merlitzhalle auch hier wieder dem Breitensport zu Verfügung.

 

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Bundesinnenministerium bestätigt: Kein Pass für Aufenthaltstitel nach Anerkennung erforderlich

Auf Anfrage des Paritätischen Gesamtverbands bestätigte das Bundesinnenministerium, dass Ausländerbehörden verpflichtet sind, schutzberechtigten Personen Aufenthaltstitel zu erteilen, auch wenn die Betroffenen keinen Pass vorlegen. Das niedersächsische Innenministerium wies seine Behörden daher an, die Titel zeitnah nach Anerkennung zu erteilen. Demgegenüber billigt der Berliner Innensenat die fortdauernde Praxis der Berliner Ausländerbehörde, lediglich vorläufige Bescheinigungen auszustellen.

Das Bundesinnenministerium (BMI) bestätigte im Juni schriftlich auf Anfrage des Paritätischen Gesamtverbands, dass die Erteilung und Verlängerung von Aufenthaltserlaubnissen nach Zuerkennung des subsidiären Schutzes (§ 25 Abs. 2 S. 1 Alt. 2 AufenthG) oder Feststellung von Abschiebungsverboten (§ 25 Abs. 3 S. 1 AufenthG) durch das BAMF nicht von der Vorlage eines Passes des Herkunftsstaats abhängig gemacht werden darf. Dies gelte eindeutig auch bei Asylberechtigung (§ 25 Abs. 1 S. 1 AufenthG) oder Flüchtlingsanerkennung (§ 25 Abs. 2 S. 1 Alt. 1 AufenthG). Laut einer Mitteilung des Paritätischen Gesamtverbands hält das BMI eine entsprechende Weisung nicht für erforderlich, da die gesetzlichen Bestimmungen eindeutig seien.

Hintergrund der Anfrage des Paritätischen waren Berichte, wonach die Erteilung von Aufenthaltstiteln nach Zuerkennung eines Schutzstatus von vielen Ausländerbehörden behindert oder verzögert worden sei. Die Ausländerbehörden hätten die Vorlage eines Passes verlangt, obwohl gemäß § 5 Abs. 3 AufenthG davon abzusehen sei. Vielmehr müssten in solchen Fällen nach § 48 Abs. 4 AufenthG Ausweisersatzpapiere ausgestellt werden. Sollte dies trotz Klarstellung des BMI weiterhin auftreten, bittet der Paritätische um Mitteilung.

Das Niedersächsische Innenministerium hat in diesem Zusammenhang in einer Rundmail (siehe vom Flüchtlingsrat Niedersachsen veröffentlichter Erlass vom 5.7.2017) seine Ausländerbehörden angewiesen Aufenthaltstitel zeitnah zu erteilen und zu verlängern und nicht von einer nochmaligen Identitätsprüfung abhängig zu machen. Für die Erteilung sei allein der bindende Anerkennungsbescheid des BAMF maßgeblich. Auf der Seite des Flüchtlingsrats Niedersachsen ist eine Übersicht über die Passpflicht bei Schutzberechtigung abrufbar (siehe Meldung vom 10.7.2017 unter Aktuelles).

Demgegenüber billigt der Berliner Innensenat (siehe vom Flüchtlingsrat Berlin veröffentlichtes Schreiben vom 21.3.2017) die laut Flüchtlingsrat Berlin weiter andauernde Praxis der Berliner Ausländerbehörde anerkannten Schutzberechtigten über Monate hinweg lediglich gesetzlich nicht vorgesehene Bescheinigungen im Din A4 Format auszustellen (siehe vom Flüchtlingsrat Berlin veröffentlichte Bescheinigungen des LABO). Der Senat erklärt in seinem Schreiben, dass Aufenthaltstitel hauptsächlich deshalb nicht sofort erteilt würden, da „sehr häufig nicht alle für die Identitätsfeststellung notwendigen Dokumente vorliegen oder diese noch auf ihre Echtheit überprüft werden müssenn“. Dies wiederspricht jedoch den Angaben des BMI, wonach die Titelerteilung nicht von der Erfüllung der Passpflicht abhängig gemacht werden darf. Ferner behindert diese Praxis lauf Flüchtlingsrat Berlin die Integration der Schutzberechtigten in allen gesellschaftlichen Bereichen wie Arbeit, Bildung und Wohnen (siehe Presseerklärung vom 7.3.2017)

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DISKUSSION: Frauenbilder und Integration. Das Private wird wieder politisch.

Zu den Forderungen, die Politik und Gesellschaft an Flüchtlinge und Zuwanderer stellen, gehört die Anerkennung der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die meisten muslimischen Migranten jedoch sind skeptisch. Ihr Frauenbild spiegelt eher eine unterwürfige Weiblichkeit. Ändert man daran nichts, scheitert die Integration am Ende.

Von Barbara Sichtermann

Es gibt Kanäle zwischen Haus und Öffentlichkeit, Privatleben und Politik, inneren Einstellungen und wahrnehmbaren Handlungen, über die Einfluss genommen werden kann. Das Frauenbild von Migranten hat die Integrationspolitik der vergangenen Jahre (und Jahrzehnte) nur oberflächlich zu verändern versucht.

Selbst jüngere Feministinnen fürchten, der Ausländerfeindlichkeit bezichtigt zu werden und weichen in Kulturrelativismus aus. So geht es nicht weiter, sagt Essay-Autorin Barbara Sichtermann. Die Probleme gehörten auf den Tisch. Es muss Wege geben, sie zu lösen, ohne die Willkommenskultur zu beschädigen.

Barbara Sichtermann, geboren 1943, ist seit 1978 freie Publizistin. Sie arbeitet regelmäßig für verschiedene Zeitungen und für den Rundfunk und ist Jurorin des Adolf-Grimme-Preises.

Am 16. Juni 2017 wurde in Berlin-Moabit eine Moschee eingeweiht. Mehrere Polizeifahrzeuge parkten ringsum, Übertragungswagen von Fernsehsendern bezogen Posten. Es handelte sich um ein ungewöhnliches Ereignis. Die neue Moschee liegt auf dem Gelände der protestantischen St. Johannis‑Kirche und sie soll in Zukunft nicht nur Muslimen, sondern auch Christen und Juden Räume für Gebet und Einkehr offen halten. Ferner sind alle muslimischen Glaubensrichtungen willkommen. Sogar Nichtgläubige sollen Zutritt haben. Außerdem erst- und einmalig: Frauen dürfen unverschleiert neben Männern knien, und sie können sogar in diesem Gotteshaus predigen.

Die Initiative zu einer solchen „liberalen Moschee“ stammt von der Anwältin und Feministin Seyran Ateş; der Name des Gebetshauses lautet Ibn‑Rushd‑Goethe‑Moschee, wobei Ibn Rushd für einen muslimischen Theologen aus dem 12. Jahrhundert steht, der seinen Glauben mit Aristoteles, also der griechisch-römischen Antike, zu versöhnen trachtete. Und Goethe wurde Namenspatron, weil nicht zuletzt sein West‑Östlicher Diwan, ein lyrisches Werk, zeigt, wie hoch der Dichterfürst die arabische Kultur schätzte. Auch er war ein Brückenbauer zwischen den Kulturen.

Aber warum so viele Polizeiautos? Die Idee der Frau Ateş findet nicht überall Zuspruch. Da gibt es Islam-Vertreter, die an ihren Traditionen festhalten wollen und eine solche Liberalisierung als Blasphemie empfinden. Aus dem fernen Kairo traf sogleich eine Fatwa von der Universität ein: Das neue Gotteshaus sei umgehend zu schließen.

Von der Idee einer toleranten Weltkirche

Es gibt auch Christen, denen es nicht gefällt, wenn die Tore ihrer Kirchen sich für Andersgläubige öffnen. Ein protestantisches Ehepaar verteilte Flugblätter, auf denen es Ateş und ihre Mitstreiter als „Traumtänzer“ abwertete und seinen Austritt aus der evangelischen Kirche bekannt gab. Aber Superintendent Berthold Höcker, der bei der St. Johannis-Kirche Platz für die Moschee macht, hält an der Idee einer toleranten Weltkirche und ihrer Verwirklichung in Moabit fest. Er spricht sogar von einem „Meilenstein“.

Vielleicht kommt es ja so weit, dass die Berlinerinnen und Berliner mit und ohne Migrationshintergrund irgendwann sagen: Die Ibn‑Rushd‑Goethe‑Moschee, das war ein Wendepunkt damals, jetzt wissen wir, was zu tun ist. Vielleicht aber scheitert das mutige Projekt. Heute kann das niemand wissen. So viel jedoch ist sicher: Wenn Integration gelingen soll und Deutsche und Neudeutsche und Zugewanderte friedlich und freundlich zusammenleben wollen, brauchen wir viele Ibn-Rushd-Goethe-Moscheen. Sie mögen in Zukunft anders heißen und auch an anderen Orten entstehen als auf dem Gelände einer protestantischen Kirche. Aber eines müssten sie alle gemeinsam haben: Dass sie Menschen ungeachtet ihres religiösen Bekenntnisses als Brüder und Schwestern akzeptieren. Und dass sie Frauen und Männer nicht mehr separieren, Frauen keine Verhüllung mehr abverlangen und ihnen stattdessen das Wort erteilen. Solche „Erlaubnisse“, solche Freiheiten, solche Gleichheiten sind letztlich der Schlüssel zur Integration.

Es ist viel vom Grundgesetz die Rede, wenn es um Integration geht. Diesen Normenkatalog müssten Neubürger achten, und damit sind sie in aller Regel auch einverstanden. Was aber nun die Religion betrifft, so leidet die Debatte an einem elementaren Missverständnis. Im Grundgesetz steht, dass in Deutschland Religionsfreiheit herrscht. Das klingt gut. Es heißt in der Praxis, dass die Bundesrepublik verschiedenste Bekenntnisse zulässt, christliche ebenso wie jüdische, freikirchliche ebenso wie muslimische. Sie alle und noch viel mehr sollen ihre Gotteshäuser bauen und ihre Rituale pflegen dürfen. Diese Freiheit wiederum impliziert, dass jede Gemeinde und jeder Gläubige das Recht anderer Menschen auf ihren eigenen religiösen Weg anerkennt. Der Christ soll die Synagoge respektieren und der Jude die Moschee. Ist das so? Es ist komplizierter. Wirklich durchgesetzt hat sich die Toleranz nicht. Es gibt immer noch die Idee des wahren Glaubens, für den gekämpft werden müsse – in allen Religionen.

Religion: Für viele Migranten Politik statt Privatsache

Der zweite wunde Punkt im Kontext Grundgesetz ist die Gleichberechtigung. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft hat sich an den Gedanken gewöhnt, dass Männer und Frauen gleiche Rechte haben und feilt an den Ausführungsbestimmungen. Die meisten muslimischen Migranten jedoch sind skeptisch. Sie haben ihre eigene Art des Umgangs und des Verhaltens, dazu gehört, dass die Geschlechter möglichst jeweils unter sich bleiben und die Öffentlichkeit eine Sphäre ist, in der Frauen nichts zu suchen haben. Besonders verzwickt ist die Tatsache, dass das Geschlechterverhältnis und das Nachdenken darüber bei ihnen religiös durchwirkt ist. Auch in der Bibel steht, dass die Frau dem Manne untertan sei. Unter westlichen Christen aber gilt dieses Dogma nicht mehr. Hier hat man umgedacht. Im Koran kann man ebenfalls lesen, dass die Frau dem Manne Gehorsam schulde – und diese Überzeugung ist in der muslimischen Welt noch weit verbreitet, unter Männern ebenso wie unter Frauen. Man hat dort noch nicht konsequent umgedacht. Das Frauenbild vieler Migranten spiegelt eine unterwürfige, wenn nicht gar verhüllte Weiblichkeit. Zwar wird ihnen, wenn sie in Deutschland bleiben wollen, die Akzeptanz der Gleichstellung nahe gelegt – sie können aber nicht so schnell umdenken. Und so stehen sie trotz bester Absichten einigermaßen ratlos vor den ineinander verschlungenen Aufgaben, das Grundgesetz mit dem Postulat der Religionsfreiheit zu achten und die Gleichberechtigung anzuerkennen, obwohl beide Forderungen ihren Überzeugungen zuwider laufen – was nicht für alle gilt, aber für diejenigen, die aus stark traditionsverhafteten Gesellschaften kommen. Die Religion ist bei ihnen keine Privatsache, sondern Politik. Und das Private ist religiös aufgeladen. Kann man unter diesen Umständen darauf vertrauen, dass Integration gelingt – die doch davon abhängt, dass Zuwanderer das Grundgesetz mit seinen beiden Zumutungen: Toleranz und Gleichstellung, bejahen? Oder muss man die Latte tiefer hängen?

Es gibt keine einfache Antwort, schon gar nicht ein Ja oder Nein. Das Problem mit den großen Worten, vom Grundgesetz über die Gleichberechtigung bis zur Toleranz ist, dass in ihnen etwas Einschüchterndes, ja fast Bedrohliches mitschwingt und dass der erschöpfte Flüchtling, der oft ein schlimmes Schicksal und immer einen weiten Weg hinter sich hat, erst mal wenig mit diesen Vokabeln anfangen kann. Auch der Nachbar mit Migrationshintergrund, der schon lange hier lebt und gut zurechtkommt, möchte sich nicht umerziehen lassen. Die großen Worte riechen nach Vorwurf, nach Verweis, vielleicht gar nach Ablehnung. Sie nageln den Migranten auf seinen Hintergrund fest, sie klingen nicht optimistisch und auch nicht zukunftsträchtig. Das zuständige politische Personal weiß das und reitet deshalb nicht gern auf ihnen herum. Aber da es seinem Wahlvolk verpflichtet ist, nimmt es die großen Worte dann doch in den Mund. Die Menschen sollen wissen, dass Zuwanderer unsere Gesetze zu achten haben, auch Zuwanderer sollen das wissen. Abstrakt-allgemein betrachtet ist man sich meist schnell einig. Aber im Grunde wissen alle Beteiligten, dass es nicht reicht, große Worte in den Raum zu stellen, sondern dass man sie konkretisieren muss. Dass man nicht darum herum kommt, zu den Gesetzen und den Werten, für die sie stehen, so etwas wie Ausführungsbestimmungen zu formulieren. Was fehlt, ist das Kleingedruckte, das Spezielle, das Alltägliche, das Brauchbare. Die großen Worte müssen auf die Lebenspraxis heruntergebrochen und dort in Handlungsmöglichkeiten umgesetzt werden. Und das kann man nicht erschöpfend auf- und vorschreiben. Das kann man nur im wirklichen Leben und von Fall zu Fall erproben, verlangen, prüfen, durchführen, entscheiden. Ganz besonders gilt das für den Begriff Gleichberechtigung.

Erfahrungen sind besser als Merkblätter

Beispiel: Ein Flüchtling aus Afghanistan kommt in eine Beratungsstelle und findet dort am Schreibtisch eine Frau vor. Er weigert sich, mit ihr zu sprechen. Der Leiter der Beratungsstelle, der keinen Ärger wünscht, geht und holt einen Mann. Diesen Vorfall hat es wirklich gegeben, wahrscheinlich nicht nur einmal. Man versteht den Leiter. Er hat genug am Hals. Seine Institution ist überlaufen. Er kann jetzt nicht auch noch für die Gleichberechtigung werben. – Kann er nicht? Sollte er vielleicht doch? Ist der kleine Konflikt im Beratungszimmer nicht am Ende eine gute Investition in eine friedliche Zukunft? Der junge Mann aus Afghanistan hätte lernen müssen: In Deutschland sitzen auch Frauen in Beratungsstellen an Schreibtischen. Sie leiten sogar manchmal solche Büros. Und wenn ein Klient nicht bereit ist, eine Frau als Gesprächspartnerin zu akzeptieren, bekommt er keine Beratung. So eine Erfahrung hätte ihm mehr über das große Wort Gleichberechtigung beigebracht als noch so viel Merkblätter und Instruktionen über Leitkultur. Er wäre womöglich erst einmal verstimmt gewesen. Aber wenn er eine vergleichbare Erfahrung beim Sprachkurs oder auf dem Bürgeramt gemacht hätte, wäre er vielleicht bereit umzudenken. Dass Gleichberechtigung etwas Praktisches und Lebendiges ist und kein bloßer Kampfbegriff, diese Einsicht lehrt das Leben, auch wenn sie zu Beginn manchmal bitter ist. Und die Bereitschaft der sogenannten Mehrheitsgesellschaft, Frauenrechte und Frauenbilder, so wie sie sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet haben, zu verteidigen und zu ihnen zu stehen, zeigt sich deutlich in Situationen wie jener, in der ein Migrant sich nicht von einer Frau beraten lassen will. Da muss das Verlangen des Migranten nach einem männlichen Berater dem kulturellen Standard, der hierzulande herrscht, nachgeordnet werden. Ein solches Signal muss sein. Es gehört in erster Reihe zu einer klugen Politik der Integration.

Die Schwierigkeit mit der Anerkennung von Gleichberechtigung im Prozess der Integration liegt darin, dass sie nicht nur Frauen den Weg ins Arbeitsleben öffnen und es ihnen erlauben soll, Beraterinnen zu werden, sondern dass sie das Verhältnis von Mann und Frau auch im privaten Raum betrifft, da wo sich der Staat, so heißt es, bitteschön raushalten soll. Das kann er aber nicht immer und er tut es auch nicht. Wir haben in Deutschland ein Familienrecht, das Ehestands-, Scheidungs- und Sorgerechtsfragen regelt und sich immer wieder lebhaft ändert; die Vergewaltigung in der Ehe wurde erst nach langem Tauziehen strafbar. Gleichwohl zucken sowohl Frauenrechtlerinnen als auch Politiker und Verbände, die sich mit der Integration befassen, sofort zurück, wenn sie von Familienkonflikten unter Migranten hören; sie verweisen dann auf Gesetze in ihrer Allgemeinheit und sie helfen und verklagen auch, wenn es Gewaltopfer gibt, aber Sitten und Gebräuche möchten sie ungern antasten. Und das ist verständlich. Was sie aber tun können, ist, Sitten und Gebräuche, so weit sie hierzulande das Verhältnis der Geschlechter regeln, zur Messlatte zu erklären, auch und obwohl sie auch hier noch nicht immer perfekt sind.

Man muss sich trauen einzugreifen

Beispiel. Eine Lehrerin, seit Kurzem pensioniert, meldet sich, um Deutschkurse für Ausländer zu geben. Zum ersten Treffen erscheinen 15 Flüchtlinge aus verschiedenen arabischen Ländern, sechs davon Frauen. Beim zweiten Treffen fehlen diese Frauen – bis auf eine, die älter ist und Englisch spricht. Von ihr erfährt die Lehrerin, warum die anderen nicht wieder gekommen sind: Es seien zu viele fremde Männer anwesend. In so einer Umgebung fühlten sie sich nicht wohl, ihre Väter, Brüder und Ehemänner hätten sich auch gegen eine Fortsetzung der Teilnahme ausgesprochen. Mit Hilfe der Englisch kundigen Frau, die für sie dolmetscht, bittet die Lehrerin ihre Schüler inständig, doch dafür zu sorgen, dass ihre Töchter, Schwestern und Ehefrauen wiederkämen – sie garantiere für ein gutes Lernklima. Die Männer schweigen. Die Frauen bleiben weiterhin weg. Die Lehrerin wendet sich an ihren Träger, in diesem Fall die Kommune, und bittet darum, einen zweiten Kurs nur für Frauen anbieten zu dürfen. Nein, sagt die Kommune, Geschlechtersegregation wollen wir nicht unterstützen. Die Lehrerin schüttelt den Kopf. Man muss abwägen, sagt sie. Ist es beim jetzigen Stand der Dinge nicht wichtiger, dass zugewanderte Frauen Deutsch lernen? Anstatt stur zu bleiben in Sachen Geschlechtertrennung? Ein zweiter Kurs wird nicht genehmigt. Die Lehrerin bietet ihn privat an – unbezahlt. Auch diesen Fall hat es wirklich gegeben. Und das Argument der Lehrerin geht so: Wenn die Geschlechtertrennung in jenen Kulturen, aus denen die Flüchtlinge stammen, je gelockert und aufgehoben wird, dann wird die Initiative dazu von Frauen ausgehen, die womöglich in meinem Kurs Deutsch gelernt haben, in einem nicht-genehmigten und nicht-bezahlten Kurs. Sie hat Recht. Man muss den Einzelfall sehen. Leitlinien sind unumgänglich, aber sie hauen nicht immer hin. Man muss schauen, was möglich ist. Und man muss sich trauen einzugreifen.

Dabei geht es nicht darum, dass emanzipierte Frauen in München, Köln oder Berlin zugewanderten Frauen aus Damaskus, Tunis oder Kabul ihre Lebensweise aufdrängen. Doch es gibt die Möglichkeit, vielleicht sogar die Verpflichtung, eine Lebensweise zu erklären und zu unterstützen, die im sogenannten aufnehmenden Land, also in unserem Kontext: in der Bundesrepublik, selbst noch erst in der Entwicklung ist, die entsprechend fragil und auch immer mal bedroht ist, und dazu gehört die Gleichberechtigung. Wie man weiß, steht sie im Grundgesetz. Aber ihre Umsetzung war ein langer Weg und der ist noch nicht zu Ende gegangen. Frauen mussten von der Nachkriegszeit bis heute vor Gericht ziehen, um vom eigenen Konto bis zur Erlaubnis, beim Militär Dienst zu tun, für ihre Rechte zu kämpfen. Gleichberechtigung hieß erst mal nur, dass dieser Rechtsweg ihnen offen stand, dass ferner die Gesetzgebung aufgerufen war, entsprechende Erweiterungen und Änderungen vorzunehmen. Wir arbeiten immer noch daran.

Emanzipation ist ein mühsamer Prozess. Sie lässt sich nicht exportieren, sie lässt sich nicht befehlen. Auch Integration ist ein mühsamer Prozess. Sie lässt sich nicht erzwingen, aber sie lässt sich fördern. Wenn Frauen aus dem Orient hierzulande ohne Begleitung nicht auf die Straße oder zum Sprachkurs dürfen, so sollte man es, das scheint Konsens zu sein, ihnen überlassen, daran etwas zu ändern. Aber stimmt das wirklich? Die eben erwähnte Lehrerin sah es nicht so und hat das ihre getan, etwas in Bewegung zu bringen: Sie hat einen Kurs nur für Frauen angeboten und sie hat in diesem Kurs darüber gesprochen, was es heißt, als Frau gleichberechtigt zu sein: Bildung, Ausbildung, eigene Arbeit, eigenes Geld, eigene Lebensplanung. Sie hat die verschiedensten Reaktionen erfahren – keineswegs nur Zuspruch. Ihre Enkelin, Studentin der Philosophie, fand, dass es ihrer Großmutter nicht zustünde, das Frauenbild ihrer meist muslimischen Kursteilnehmer zu kritisieren und ihnen patriarchalische Voreingenommenheit zu unterstellen. Denn die meisten deutschen Männer seien auch nicht besser.

Gleichberechtigung: Zuerst im eigenen Haus aufräumen

Dieser Schlussfolgerung begegnet man gerade unter jungen Feministinnen häufig – sie basiert auf einer verqueren Logik. Solange Frauenfeindlichkeit in der deutschen Mehrheitsgesellschaft nicht endgültig besiegt sei, das implizieren die Stellungnahmen dieser Netzaktivistinnen, dürfe man auf Zuwanderer aus Kulturen, in denen die Abhängigkeit der Frauen normal sei, nicht mit Fingern zeigen. Es gelte, zuerst im eigenen Hause aufzuräumen, und außerdem sei Kritik an Migranten nur Wasser auf die Mühlen rechtspopulistischer Strömungen.

Der Fehler an diesem Standpunkt ist, dass es gar nicht darum geht, wer sich stärker an den Prinzipien der Gleichberechtigung versündigt: der deutsche Mann, der am Stammtisch gegen das Weibervolk wettert oder der arabische Zuwanderer, der seiner Tochter den Schwimmunterricht untersagt, sondern darum, dass diese beiden Gruppen und noch viele andere hier in Deutschland miteinander auskommen müssen. Und zwar so, dass die Gleichstellung der Geschlechter in der Diskussion ebenso wie in der täglichen Praxis reflektiert, geübt und vorangebracht wird. Dafür ist es wichtig, den Unterschied in Sachen Gleichberechtigung anzuerkennen, der die westliche Welt von den meisten Gesellschaften mit muslimischer Bevölkerung trennt. Die kritischen Feministinnen, die überall nur „das Patriarchat“ sehen, in Deutschland ebenso wie im Iran, in Amerika ebenso wie in Ägypten, lassen die großen Fortschritte der Gleichstellung, die während der vergangenen Jahrzehnte im Westen erstritten worden sind, in einem allgemeinen Kulturrelativismus untergehen. Das ist ignorant und bringt uns keinen Schritt weiter.

Die Angst davor, Rechtspopulisten und Neonazis das Wort zu reden, wenn man das Frauenbild von Migranten hinterfragt, ist ferner kein guter Ratgeber. Denn wer auf Kritik verzichtet, um dem Beifall von der falschen Seite zu entgehen, ist ein Duckmäuser und hilft der falschen Seite sogar, weil er die Gelegenheiten verringert, zu denen er sich in anderen Punkten von ihr abgrenzen kann. Wenn sich die AfD gegen Frauenunterdrückung in Parallelgesellschaften ausspricht, so hat sie damit Recht. Wenn sie daraus den Schluss zieht, dass die Zuwanderer ausgewiesen werden müssen, so hat sie damit Unrecht. So zu diskutieren bringt viel mehr als die Klappe zu halten, damit sich Rechtspopulisten nicht bestätigt fühlen. Keine Kritikerin der Verschleierung bestätigt nur eine Position der Rechten. Sie bestätigt vielmehr eine Position der westlichen, eher linksgerichteten Frauenbewegung und damit den Motor der Gleichstellung in den letzten Jahrzehnten.

Verschleierung. Ist das nicht Privatsache? Sollte man nicht einer Frau, die es aus ihrer Kultur nicht anders kennt, die Möglichkeit, sich zu verhüllen, einräumen? Nach dem Motto: Das müssen wir in unserer freiheitlichen Gesellschaft aushalten? Gastfreundschaft schließt Toleranz in Bekleidungsfragen unbedingt ein… Wenn es denn mehr nicht wäre! Lange hat man versucht, die Diskussion um die Verhüllung mit Modefragen oder Problemen des Klimas oder der Arbeit in der Landwirtschaft zu vermengen. ‚Meine Großmutter trug auch immer ein Kopftuch‘, hat so manche großzügige Diskussionsteilnehmerin dazu angemerkt. Aber im Grunde haben wahrscheinlich alle gewusst, dass die scheinbar so private Kleiderordnung, die zugewanderten Frauen vorschreibt oder nahe legt, ein Kopftuch oder eine Burka zu tragen, ein Reflex der Abhängigkeit, um nicht zu sagen: Unterdrückung ist, der Frauen in einer patriarchalischen Gehorsamskultur ausgesetzt sind. Aber man wollte die Debatte, die so sehr ins Privatleben eingreift, nicht vertiefen.

Die Vollverschleierung: Ein Einspruch gegen die Gleichstellung

Es ist nun so, dass just die Burka, die zu tragen als eine ganz persönliche Entscheidung gelten kann, den Punkt markiert, an dem das Private ins Politische übergeht. Denn sie ist nicht nur ein Gewand, sondern darüber hinaus ein Zeichen: Seht her, sagt die Trägerin, oder besser: seht nicht her! Denn ich, die Verhüllte, bin eigentlich gar nicht da. Ich weiß, dass mein Platz das Innere des Hauses ist und dass ich in der Öffentlichkeit der Straße nicht in Erscheinung treten sollte. Da ich nun aber doch einkaufen gehen muss, nehme ich mich in die Unkenntlichkeit zurück, und so ist mein Mann, der nicht will, dass fremde Augen mich sehen, so ist mein Vater, der nicht will, dass ich unbegleitet unterwegs bin, so ist Gott, der mich als Frau erschaffen und dem Manne unterstellt hat, zufrieden. Das ist die Botschaft der Burka oder des Niqab oder was es sonst noch für Namen für dieses Kleidungsstück gibt. Was da also vollverschleiert herumläuft, ist nicht nur eine Frau mit ihrer ganz persönlichen Art, sich zu kleiden, sondern zugleich ein Statement, das davon spricht, dass Frauen in der Öffentlichkeit der Straße – zu schweigen von anderen Foren – nicht vorgesehen sind. Dass sie, wenn sie doch vor die Tür müssen, sich entsprechend zurückzunehmen haben. Es ist ein Einspruch gegen die Gleichstellung und zwar ein sehr nachdrücklicher. Und somit hochpolitisch.

Minister des Inneren Thomas de Maizière hat nun Stellung bezogen. In seine Überlegungen zur deutschen Leitkultur ließ er den Satz einfließen: „Wir sind nicht Burka“. Die vermeintlich hippe Formulierung sollte die Message wohl ein wenig entschärfen, also den Zuwanderern klar machen, dass man das alles nicht so eng sehe. Über ein Burka-Verbot wird ja schon seit Langem diskutiert. Die Franzosen haben es erwirkt, der Europäische Gerichtshof hat es nicht kassiert. Sollten wir da mitgehen? Oder doch lieber ein wenig mehr Multikulti zulassen? Die Frage ist offen. Pro und Contra halten sich die Waage. Aber immerhin hat der Innenminister ein klares Wort gesprochen.

Seine Gegner merken an, dass es nur wenige Burkas in Deutschland gebe, also brauche man doch die Gesetzgebung nicht zu bemühen. Sie behaupten ferner, so ein Verbot sei reine Symbolpolitik, womit sie wohl sagen wollen, dass sich in Wahrheit Ausländerfeindlichkeit dahinter verberge. Beide Argumente taugen nichts. Nur weil eine unerwünschte Erscheinung selten ist, muss man sie nicht zulassen. Die Sache mit der Symbolpolitik ist noch unsinniger. Eine große Anzahl der politischen Schritte, die eine Regierung tut oder die ein Parlament plant, ist symbolischer Natur. Was hat es zum Beispiel mit dem Verbot von Nazi-Abzeichen in der Öffentlichkeit auf sich? Oder mit der Abschaffung eines Paragrafen, der die Beleidigung eines Staatsoberhauptes unter Strafe stellt? Der Mensch ist das Tier, das mit Symbolen kommuniziert. So viel dazu.

Nicht weniger interessant sind die Begründungen, die de Maizières Position untermauern. Sie schließen im Wesentlichen an die Argumente für das Vermummungsverbot auf Demonstrationen an. Man solle und wolle einander in die Augen sehen, auf der Straße und erst Recht auf dem Bürgeramt, wenn es etwa darum gehe, einen Pass zu beantragen. Der freie Blick ins Angesicht des anderen sei hier im Westen üblich. Die Verhüllung erscheint mithin als eine Art Geheimnistuerei, die nicht ins Land passe – so oder so ähnlich laufen die Argumentationslinien pro Verbot. Hat sich mal jemand die Mühe gemacht, die Verhüllung historisch und geschlechterpolitisch zu interpretieren und herauszuarbeiten, dass sie der Gleichstellung widerspricht? Und damit nichts weniger ist als ein Schlag ins Gesicht aller Frauen, die sich seit Jahrzehnten wissenschaftlich, journalistisch, künstlerisch oder politisch mit den noch längst nicht zu Ende gedachten Fragen der Frauenemanzipation auseinandersetzen? Die sich vor über 200 Jahren das auch ihnen einst verwehrte Recht, allein herumzulaufen, erstritten und genommen haben? Bei uns schaut man einander an, sagt der Minister zu den Migranten. Das klingt so, als müssten auch männliche Muslime sich verschleiern. Als ginge es bei der Ganzkörperverhüllung bzw. deren Kritik um eine Spielart von Aufrichtigkeit und nicht einzig und allein darum, Frauen ihren Platz zuzuweisen und ihre Nachrangigkeit zu bestätigen. Im Grunde weiß wohl jeder, dass es das ist, was es mit der Burka auf sich hat. Warum sagt man es dann nicht? Warum eiert man herum und spricht über Teilverbote, so etwa im Zeugenstand oder bei Ausweiskontrollen? Warum werden wir in der Bundesrepublik nicht deutlich und entschließen uns wegen eines Verstoßes gegen das Prinzip der Gleichstellung zu einem Verbot? Das wäre doch eine gute Idee, wenn es stimmt, das die Integration diese Hürde nehmen muss: Anerkennung des Grundgesetzes mit all seinen großartigen Artikeln, einschließlich desjenigen, der die Gleichberechtigung garantiert?

Die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee: ein möglicher Meilenstein?

Ein Problem ist, dass die Nicht-Sichtbarmachung der Frau auf der Straße religiös begründet werden kann. Das ist so, es gilt auch fürs Kopftuch – obwohl etliche gescheite Islamwissenschaftler schon erläutert haben, dass der Koran eine Verhüllung von Frauen gar nicht fordert. Aber selbst, wenn es so wäre: Eine Religion, die auf solche Weise politisch wird, dass sie die Freiheit der Frauen einschränkt und damit der Gleichstellung widerspricht, müsste nach der praktischen Seite von der deutschen Politik ins Gebet genommen werden: dass es hier einen Widerspruch gebe, eine Kollision, eine Unverträglichkeit. Aber das geschieht nicht. Die Furcht davor, religiöse Überzeugungen, familienkulturelle Traditionen und die Frauenbilder der Migranten in Frage zu stellen, sitzt zu tief. Es ist ja auch eine schwierige Situation. Denn Respekt vor den Sitten und Gebräuchen Fremder war und ist in Geschichte und Gegenwart immer wichtig. Der Respekt vor den eigenen Werten ist aber genauso wichtig. Und wenn es zu einem Zusammenstoß kommt, muss man eine Güterabwägung vornehmen und sehen, wo man im Einzelfall einlenken muss und wo man das auf keinen Fall tun darf. Was die Freiheit der Frauen betrifft, ihren eigenen Weg zu gehen, so ist die Bereitschaft der hiesigen Integrationspolitik, daraus ein großes, wichtiges Thema zu machen, an dem sich die Geister scheiden, nicht ausgeprägt.

Für die Integration ist es aber nicht nur entscheidend, dass Zuzügler verstehen, was das Grundgesetz ist. Es ist ebenso relevant, dass sie ein Land erleben, das seine Geschichte und seine Errungenschaften in Bezug auf Toleranz und Gleichberechtigung hoch schätzt und verlangt, dass diese Werte anerkannt – und schließlich geteilt werden. Auch wenn es seine Zeit dauert – man darf nicht aufhören, diese Forderung nach Anerkennung immer wieder im wirklichen Leben, konkret und hier und heute, zu erheben. Sonst kommt es zu Parallelgesellschaften mit all den unerwünschten Folgen. Und die Integration scheitert. Ein Ort, wo Integration auf beispielhafte Weise vorangebracht werden kann, ist die Moabiter Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Die ist deshalb ein möglicher Meilenstein, weil sie so Vieles bündelt: die religiöse Toleranz und die Gleichberechtigung, die „Weltkirche“ und die weibliche Priesterschaft. Das ist wirklich viel – vielleicht zu viel? Die Fatwa aus Kairo führte als wichtige Begründung für ihre Verurteilung dieser Moschee an, dass Frauen in ihr das Wort ergreifen sollen. Weibliche Vorbeter, so heißt es, dürfe es niemals geben. Womöglich wird das kühne Experiment zwischen all seinen Gegnern zerrieben und aufgegeben werden. Dann bleibt nur sein Symbolcharakter übrig. Aber auch der ist viel wert.

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Nach Protest distanzierte sich das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) von dem Workshop des islamistischen Al-Mustafa-Institut und forderte dessen Absage

Von der Initiative F R E I r a u m statt H A R A M k u l t u r (FsH):

Nach Protesten von Stop the Bomb und Mina Ahadi mit Unterstützung verschiedener Organisationen und Einzelpersonen distanzierte sich das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) von dem Workshop des islamistischen Al-Mustafa-Institut und forderte dessen Absage.

Netzwerkzusammenarbeit und der beherzte Einsatz einzelner Personen und Gruppen haben sich gelohnt. Allen dafür herzlichen Dank!

Anbei das Video von der Initiative Freiraum statt Haramkultur,
Pressekonferenz vom 28.7.2017 im Haus der Bundespressekonferenz, Berlin.

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Genau hinzuschauen, wenn es um die Integration von Neueinwanderern aus islamischen Ländern geht

Von unserem AG F+M Mitglied Christina Kettering.
Christina ist ehrenamtlich in einer von unseren AG F+M Deutschlehrergruppen in einem Wohnhaus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge tätig. Sie unterstützt zur Zeit ein junges Mädchen mit regelmäßigem Nachhilfeunterricht.

Nach jedem islamischen Anschlag wird er laut: der Ruf nach öffentlicher Distanzierung vonseiten der „moderaten“ Muslime. Und sie folgen ihm: Aiman Mazyek neben der Bundeskanzlerin gedenkt der Opfer der Anschläge von Paris, Lamya Kaddor organisiert einen Friedensmarsch der Muslime in Köln, der Dachverband der schiitischen Gemeinden in Deutschland -IGS – bietet als „Prävention gegen Extremismus“ einen vom Familienministerium geförderten Workshop zum Thema „Islam zwischen Rationalität und Radikalität“ an sowie „präventiv-pädagogische Bildungsworkshops“ für Jugendliche. Mohamed Taha Sabri, Imam der Neuköllner Dar-Assalam-Moschee, betet mit Vertretern anderer Glaubensrichtungen auf dem Breitscheidplatz für die Opfer des Anschlags auf den dortigen Weihnachtsmarkt 2016 und beteiligt sich im Juli 2017 am „Marsch der Muslime gegen den Terrorismus“. Sie alle grenzen sich öffentlich deutlich ab von den „Kriminellen“, die ihre Religion „missbrauchen“, ziehen scharfe Grenzen zwischen den Extremisten und sich selbst – den moderaten Muslimen. Und Gesellschaft und Politik tun es ihnen gleich. Der IGS sitzt in der Deutschen Islamkonferenz, seine Projekte werden mit staatlichen Mitteln gefördert, Sabri wurde mit dem Verdienstorden des Landes Berlin geehrt. Lamya Kaddor, Religionslehrerin in Nordrhein-Westfalen, ist als Vertreterin des liberalen Islam gern gesehener Gast in Talkshows.
Schaut man genauer hin, kommen jedoch Zweifel auf, was „moderat“ im Einzelnen bedeutet.
Am achten Juli veröffentliche der IGS auf seiner Facebook-Seite eine offizielle Presseerklärung des Vorstands zu der Gründung der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin und der geplanten „Ehe für alle“. Beides wird dort als „äußerst befremdliche(r) und besorgniserregende(r) Trend“ bezeichnet, „der Indizien auf eine geplante und organisierte gesellschaftliche Verirrung sowie die Verwässerung jeglicher Moral, Ethik und Religiosität aufweise“. Und weiter unten: „Wenn dann auch noch in dieser ,Moschee‘, die eigentlich ein Ort der Rechtleitung und Wegweisung zu den göttlichen Geboten sein soll, die Meinung vertreten wird, dass der Koran Homosexualität billigt und man sich damit schmückt, dass dort Homosexuelle nicht nur teilnehmen, sondern auch das Gebet leiten sollen, dann ist etwas gründlich falsch verstanden worden. Dies ist keine Moschee und das ist nicht der Islam.“

Sabri, der Imam der Dar-Assalam-Moschee, der sich so medienwirksam gegen den Terror abzugrenzen weiß, wird auch sonst gerne als Vorzeige-Imam gehandelt. Er lädt Rabbiner in seine Moschee ein und öffnet das Haus für ein Netzwerktreffen schwuler Führungskräfte. Gleichzeitig jedoch wird seine Moschee vom Verfassungsschutz beobachtet. Im aktuellen Verfassungsschutzbericht wird sie als Verbindungsglied zur Muslimbruderschaft angeführt, einer Organisation, deren Ziel ein islamischer Staat ist und aus der auch die Hamas hervorging. 2013 und 2014 ließ er jeweils einen radikalen Prediger auftreten, der erste, Muhammad Al-Arifi, hat in Deutschland Einreiseverbot.

Anders verhält es sich mit Aiman Mazyek und Lamya Kaddor. Beide verstehen es, sich als liberale Vertreter eines europäischen Islam zu präsentieren, die beweisen sollen, dass der Islam eigentlich friedlich sei, alle fundamentalistischen Tendenzen lediglich Missbrauch unter falschem Namen bzw. „areligiöser Nihilismus“ (Mazyek). Und genau hier liegt das Problem: Mazyek leugnet bei jeder Gelegenheit einen Zusammenhang zwischen Islam und Islamismus und verweigert dadurch die von Reformern wie Ahmad Mansour geforderte innerislamische Aufklärung:

„Viele Aspekte der islamistischen Ideologien knüpfen an Grundlagen an, die ein verbreitetes, wenn auch nicht als radikal auffälliges Verständnis des Islam bereits geschaffen hat. Daher bietet auch dieses Mainstream-Islamverständnis dem Radikalismus, teils unwissentlich und ungewollt, eine Basis. Er trägt jedenfalls eine Mitverantwortung.“

Muslimische Kritiker wie Mansour, Hamed Abdel-Samad oder Abdel-Hakim Ourghi fordern schon längst die Anerkennung der Tatsache, dass Islam und Islamismus keine gesonderten Phänomene sind, sondern der „Islamismus die Aktivierung der im Islam enthaltenen Gewalt darstellt“ wie Samuel Schirmbeck sagt. Dabei fallen ihnen nicht nur linke europäische Intellektuelle, die eigentlich jede Bemühung um Aufklärung unterstützen sollten, in den Rücken, sondern auch sich als liberal gebende Muslime wie Lamya Kaddor. Kaddor, die sich nach der Veröffentlichung ihres Buchs aufgrund der zahlreichen Hasskommentare vom Schuldienst hat beurlauben lassen, tut sich besonders schwer damit, zwischen rechter Hetze und diskussionswürdiger Kritik zu unterscheiden. So warf sie im Zuge ihrer Buchveröffentlichung tatsächliche rechtsradikale Drohungen mit inhaltlich argumentierenden Kritikern in einen Topf. Im Zeit-Artikel „Islamkritik, die niemand braucht“ stellt sie fundierte Islamwissenschaftler wie Hamed Abdel-Samad und Necla Kelek auf eine Stufe mit Thilo Sarrazin und wischt ihre auf Argumentationen, Wissen und Recherche beruhenden Arbeiten mit einem Handstreich weg: „Und damit sind solche Schriften inhaltlich überflüssig und vor allem eins: unnütz.“ Frau Kaddor stellt in ihrem Artikel Behauptungen auf, ohne sie argumentativ zu belegen, und diskreditiert die Arbeit ihrer Gegner, die sich sehr wohl die Mühe der Argumentation machen, ohne auch nur auf eines der Argumente der Genannten einzugehen. Dieses Verfahren rechtfertigt sie auch noch:

„…dass sich die Auseinandersetzung mit „Islamkritikern“ eben nicht mit den Inhalten befassen sollte. Sie sollte sich allein darauf konzentrieren, die Strategien, Mechanismen und Instrumente der islamfeindlichen Szene einerseits und die ihrer Geistesverwandten, der islamischen Fundamentalisten, andererseits herauszuarbeiten. Die zunehmende Polarisierung in unserer Gesellschaft geht zu großen Teilen auf diese „Islamkritik“ zurück. Sie ist eines von zwei Elementen, die dafür verantwortlich sind, dass Vorurteile und Stereotype gegenüber Muslimen (gewaltbereit, rückständig, misogyn, extremistisch) zunehmen.“

Mit Islamkritik darf man sich also gar nicht erst befassen, Islamkritiker und islamische Fundamentalisten sind dasselbe und die Islamkritiker schuld an Ressentiments gegenüber Muslimen. Mit solchen Einstellungen trägt sie zu einer islamischen Öffnung nicht gerade bei – liberal ist etwas anderes.

Seyran Ates erhielt im Übrigen nach der Gründung der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee mehr als hundert Morddrohungen. Aiman Mazyek war nicht bereit, eine Stellungnahme zu der Neugründung abzugeben. Es gebe so viele Moscheen in Deutschland, er müsse nicht jede einzelne kommentieren, sagte er dem Tagesspiegel. Dass die liberale Moschee nicht irgendeine ist und ihre Vertreter mit dem Tode bedroht werden, beachtet er dabei nicht. Sie hätte die Unterstützung der Verbände bitter nötig. Wenn Mazyek die Verbreitung eines liberalen Islam so wichtig ist, wieso dann die ausbleibende Solidarisierung mit der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee?

Auch wenn diese Beispiele nicht in einen Topf geworfen werden können und zwischen der offenen Ablehnung von Homosexualität und der Zurückweisung von Kritik am Islam ein qualitativer Unterschied besteht offenbaren sie doch das Problem des öffentlich in Erscheinung tretenden moderaten Islam. Bei den genannten Einzelpersonen handelt es sich um deutsche Staatsbürger, in Deutschlang geboren und sozialisiert. Nun kamen allein im Jahr 2015 um die 800.000 Asylsuchenden hinzu, die meisten davon aus Ländern, in denen der Islam Staatsreligion ist. Dass diese Sozialisation in Fragen der Toleranz gegenüber Anders- bzw. Ungläubigen, der Gleichstellung der Geschlechter, der Haltung zum Rechtsstaat und zu Homosexualität zu Ansichten führt, die eine große Herausforderung für die Integration darstellen, ist schwer zu leugnen.

2013 führte Ruud Koopmans im Auftrag des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung die Studie „Fundamentalismus und Fremdenfeindlichkeit“ durch. Koopmans, der sich kontroversen Debatten ausgesetzt sieht, ist ein angesehener Wissenschaftler, der lange Zeit überzeugt war, dass Multikulturalismus besser sei als Assimilation, bis er selbst dazu eine vergleichende Studie durchführte („Multikulturalismus oder Assimilation“ ). In seiner Studie von 2013 befragte er Muslime und Christen in verschiedenen westeuropäischen Ländern zu ihren Einstellungen in Hinsicht auf unterschiedliche Fragen. Auch wenn sie nicht repräsentativ ist, wie Koopmans in der Studie selbst einräumt, weist sie erschreckende Tendenzen auf. Demnach stimmen 60 Prozent der befragten Muslime der Aussage zu: „Muslime sollten zu den Ursprüngen des Islam zurückkehren“, 75 Prozent der Aussage: „Es ist nur eine Auslegung des Islam möglich“ und 65 Prozent der Aussage: „Die religiösen Regeln sind wichtiger als das Gesetz des Landes, in dem ich lebe“. 45 Prozent der Muslime in Europa stimmen allen drei Aussagen zu und weisen damit ein geschlossen fundamentalistisches Weltbild auf (in Deutschland sind es 30 Prozent).

Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger genau hinzuschauen, wenn es um die Integration von Neueinwanderern aus islamischen Ländern geht. Viele Ehrenamtliche, Lehrerinnen und Sozialarbeiterinnen können ein Lied davon singen, dass auch viele Muslime, die sich selbst als moderat bezeichnen, Alkohol trinken und mit Deutschen ausgehen, letztlich denken: „Sie machen ja ganz tolle Sachen, aber moralisch sind sie uns unterlegen“.
Solange die strikte Trennung zwischen gläubig und ungläubig, zwischen haram und halal weiter aufrechtgehalten und gepredigt wird, bleibt es schwierig von einem moderaten Islam zu sprechen.

Ein Bekenntnis gegen Terrorismus, ein medienwirksames interreligiöses Beten an Tatorten islamischer Anschläge reicht nicht aus. Ein wahrer liberaler Islam muss seine Kritiker, auch die, mit denen er nichts anfangen kann, akzeptieren. Er muss unterscheiden zwischen Fremdenfeindlichkeit und fundierter Kritik. Verbände, die sich selbst als Vertreter ganzer Glaubensgemeinschaften sehen, müssen selbstverständlich andere Interpretationen des Glaubens und Gründungen anderer Moscheen akzeptieren und dies ihren Anhängern auch vermitteln. Ein moderater, deutscher Imam muss dafür sorgen, dass nur moderate Prediger Gäste seiner Moschee sind, die die demokratischen Grundwerte teilen und diese auch predigen. Sollte all dies mit dem Islam – auch dem moderaten – nicht vereinbar sein, wie es z.B. die IGS in ihrer Pressemitteilung andeutet, muss die Frage gestellt werden, ob es einen moderaten Islam überhaupt geben kann:
„Einen moderaten Islam gibt es Ihrer Meinung nach nicht?
Das ist eine Erfindung. Der Islam hat den Anspruch das Leben eines Muslims zu regulieren, von dem Moment an, wo er aufwacht, bis hin zum Moment, wo er zu Bett geht. Wenn man sagt, es gibt einen moderaten Islam, der auf den Dschihad, auf die Scharia, auf Geschlechterapartheid und die Durchregulierung des Alltags verzichtet, was bleibt dann vom Islam übrig? Es gibt moderate Muslime, aber keinen moderaten Islam. Sie sind dann nicht wegen des Islams, sondern trotz des Islams moderat.“

Wenn wir auch nur eine Chance auf die Integration der neu Eingewanderten haben wollen, brauchen wir einen europäischen Islam, dessen offizielle Vertreter sich ohne Einschränkungen für Gleichberechtigung und liberale Werte einsetzen und jede Tendenz antiaufklärerischen Verhaltens augenblicklich verurteilen. Die bereit sind, eine Debatte zu führen über die fundamentalistischen Aspekte ihrer Religion und Kritik an einem Glaubenssystem nicht als Rassismus diskreditieren, um sich mit den Inhalten der Kritik nicht mehr auseinanderzusetzen zu müssen. Wir benötigen eine europäische Öffentlichkeit, die bereit ist, die Diskussion unideologisch zu führen und die liberalen Kräfte zu stärken, statt ihnen vorzuwerfen, Öl ins Feuer zu gießen, wie es vielfach geschieht. Wir müssen die Individuen gegen die Gemeinschaft stärken: die Mädchen und Frauen gegen das patriarchale Weltbild. Die, die dem Glauben abschwören oder ihn wechseln und deshalb bedroht werden. Die Homosexuellen, die Liberalen.

2015, im Taumel der neuen deutschen Willkommenskultur, wurden zahlreiche neue Flüchtlingshilfsorganisationen gegründet, die einen großen Zustrom ehrenamtlicher Helfer erhielten. Das ist gut. Allerdings haben viele dieser Helfer schnell frustriert wieder aufgegeben, als sie merkten, dass eine große Zahl jener, die sie mit großer persönlicher Anstrengung und Offenheit unterstützten, den Helfern weit weniger offen und respektvoll begegneten. Im Ergebnis führte das dazu, dass viele Ehrenamtliche sich ausgebrannt und frustriert zurückzogen, manche eine pauschale Abneigung gegen Flüchtlinge entwickelten. Die, die dabeigeblieben sind und trotz allem ihre Arbeit jenseits pauschaler Verurteilungen sowie naiver Schönfärberei weiterführen wollen, werden allein gelassen von einer Öffentlichkeit, die die Ehrenamtlichen zwar als die Helden des Jahres 2015 feiert, von den Kehrseiten ihrer Arbeit aber nichts wissen will.

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