Die Story von Amed aus Flensburg, der sich offen als Ex-Muslime (Atheist) bekennt und dafür nicht nur von Muslimen bestraft und bedroht wird

„Wenn islamistischer Terror nichts mit dem Islam zu tun hat, warum gehen die ganzen friedlichen Muslime dann nicht auf die Strasse, um dagegen zu demonstrieren?“ ist eine von vielen Fragen die Amed stellt.

PROTOKOLL AHMED SHERWAN, 7.7.2017

Amed Sherwan ist in Erbil in Kurdistan (Nordirak) geboren und aufgewachsen. Durch unangenehme persönliche Erlebnisse mit dem Islam und das Lesen religionskritischer Texte ist er mit 14 Jahren zu der Überzeugung gelangt, nicht mehr an Gott zu glauben. Seine Eltern haben sich durch den Druck der Nachbarn daraufhin gezwungen gesehen ihn anzuzeigen und damit die Hoffnung verknüpft, ihn von seinem Irrglauben befreien zu können. Er ist deshalb schon mit 15 Jahren als Ex-Muslim inhaftiert und gefoltert worden. Aufgrund seines jungen Alters hat der Fall viel Aufmerksamkeit erregt und Dank des öffentlichen Drucks ist Amed frei gekommen. Der hohe Bekanntheitsgrad des Falles und die daraus resultierenden Anfeindungen haben den Alltag für Amed anschließend allerdings so gefährlich gemacht, dass Menschenrechtsorganisationen ihm zur Flucht geraten haben.

Amed lebt seit 2014 in Deutschland. Ende 2015 hat er sich bereits sehr aktiv in dem überregional bekanntgewordenen Projekt »Refugees Welcome Flensburg« am Bahnhof in Flensburg engagiert. Amed spricht Kurdisch (Sorani), Arabisch, Englisch und Deutsch und ist auch noch nach Ende des großen Ansturms regelmäßig neben der Schule als Dolmetscher in dem Projekt aktiv gewesen.

Ab Januar 2017 hat Amed ein Praktikum bei der Flüchtlingshilfe gemacht mit einer sehr lockeren Arbeitsvereinbarung, bei Bedarf mit Übersetzungen aushelfen zu können. Je nachdem, wie viel Zeit ihm die Schule gelassen hat, hat Amed vor Ort ausgeholfen oder zu Ämtern oder Arztbesuchen begleitet. Die Arbeit hat ihm sehr viel Spaß gemacht und er hat viel positives Feedback bekommen.

Die Flüchtlingshilfe hat in dieser Zeit unter dem Titel »Moin Flensburg!« in Zusammenarbeit mit der Stadt Flensburg ein Magazin von und für Geflüchtete rausgegeben. Für die erste Ausgabe hat Amed einen Artikel in Sorani und Deutsch verfasst. In dem Beitrag »Atheismus als Fluchtgrund« schildert er seine Erlebnisse im Irak und wie froh er darüber ist, endlich in einem Land zu leben, wo Glaube Privatsache ist und er sowohl muslimische, christliche als auch atheistische Freunde hat.

Das Magazin ist Anfang Ende März 2017 erschienen und bei einer Pressekonferenz vorgestellt worden, von der Amed gar nichts gewusst hat. Im Vorfeld hat es in der Redaktionsgruppe einige Unstimmigkeiten gegeben, weil Amed sich mit dem Vorschlag »Moin Flensburg« gegenüber dem Vorschlag der arabischen Teilnehmer »Salaam Flensburg« mit der Begründung durchgesetzt hat, dass es schließlich auch Geflüchtete gäbe ohne religiösen Hintergrund oder aus anderen Teilen der Welt. Dass Amed sich damit durchgesetzt hat, hat Unmut ausgelöst. Amed hat sich entschieden aus der Redaktion auszutreten. Der Anfang April in der lokalen Presse erschienene Artikel, in dem Ameds Artikel hervorgehoben wird, ist ihm deshalb gar nicht bekannt gewesen. Laut Aussage der städtischen Mitarbeiterinnen im Projekt, sind die arabischen Mitarbeiter im Projekt sehr wütend darüber gewesen, dass ausgerechnet Ameds Artikel Erwähnung gefunden hatte.

Als Amed am 3. April in der Flüchtlingshilfe erscheint, wird er von einem ehrenamtlichen arabischen Mitarbeiter (selbst ein Fluechtling aus dem Yemen), der ebenfalls am Magazin mitgewirkt hat, lautstark und vor allen Leuten verbal angegriffen, er solle dort nicht mehr arbeiten. Er habe in dem Artikel gängige Vorurteile über islamische Länder bestätigt und damit den Islam negativ dargestellt. Die Stimmung ist extrem bedrohlich und Amed sucht sich sofort Hilfe bei einer hauptamtlichen Mitarbeiterin. Diese bemüht sich, die beiden zu einem Klärungsgespräch an einen Tisch zu bekommen, der Angreifer weigert sich aber mit den Worten, mit so jemandem wolle er nicht in einem Raum sein. Das Überwachungsvideo dieser Situation existiert leider nicht. Die Aussagen der Mitarbeiterin decken sich aber mit denen von Amed.

Am 6. April geht Amed wieder in die Flüchtlingshilfe. Er wird gleich bei Ankunft darum gebeten, bei einem Gespräch zu dolmetschen. Er ist in der Übersetzungssituation, als der gleiche ehrenamtliche Mitarbeiter völlig unvermittelt dazwischen geht, ihn zur Seite schubst und ihm sagt, er solle die Einrichtung verlassen, sonst werde er ihm den Kopf abschneiden. Auch wenn er dafür nach Jemen abgeschoben werde, dann aber mit seinem Kopf.

Amed ist erschüttert und sucht sofort Hilfe bei einem der anderen Praktikanten sowie einem Vorstandmitglied, das vor Ort ist. Beide verweigern ein Gespräch mit dem Hinweis, er müsse mit dem Geschäftsführer sprechen, der aber noch in Urlaub sei. Als ein hauptamtlicher Mitarbeiter erscheint und Amed ihn ansprechen möchte, geht das Vorstandsmitglied mit den Worten dazwischen, die Situation sei ihm Griff, und schickt den Mitarbeiter weg.

Amed versucht etwa eine halbe Stunde verzweifelt Gehör zu finden, wird aber überall abgewiesen. Während dessen spricht der ehrenamtliche Mitarbeiter sichtlich erregt und stark gestikulierend auf Arabisch auf die Anwesenden ein. Zuletzt verlässt Amed die Einrichtung. Diese ganze Situation ist auf dem Überwachungsvideo dokumentiert und deckt sich haargenau mit Ameds Schilderung.

Amed geht direkt nach dem Vorfall zur Polizei und zeigt die Drohung an. Er empfindet die Situation als sehr bedrohlich und will sich damit vor Angriffen schützen. Er nimmt danach aber auch sofort Kontakt zum Geschäftsführer der Flüchtlingshilfe auf und bittet um eine Klärung der Situation.

Am 9. April trifft Amed sich mit dem Geschäftsführer. Dieser bittet Amed sich der Einrichtung bis zu einer Klärung fernzuhalten, um den Konflikt nicht zu eskalieren. Er verspricht Amed, sich um ein Klärungsgespräch zwischen den beiden zu kümmern. Der Geschäftsführer erzählt Amed außerdem, dass er mit allen an dem Tag arabischsprechenden Anwesenden gesprochen habe. Sie hätten alle ausgesagt, dass der ehrenamtliche Mitarbeiter keine Morddrohung ausgesprochen habe.

Die einzige weibliche arabischsprachige Zeugin des Vorfalls, die weder vom Geschäftsführer noch von der Polizei zu dem Vorfall befragt worden ist, obwohl sie durchgehend auf dem Überwachungsvideo zu sehen ist, erzählt einer Befreundeten Araberin, sie sei dabei gewesen, als Amed aus der Flüchtlingshilfe rausgeschmissen worden sei, weil er schlecht über den Islam gesprochen habe. Auf die Nachfrage, ob sie Gotteslästerliches aus Ameds Mund gehört habe, antwortet sie, nein, aber das habe der ehrenamtliche Mitarbeiter ihr so erklärt.

Das versprochene Klärungsgespräch kommt wochenlang nicht zustande. Inzwischen verbreitet sich das Gerücht in Flensburg, Amed habe Allah beschimpft und sei deshalb aus der Flüchtlingshilfe rausgeschmissen worden. Amed wird nicht mehr gegrüßt und auf der Straße böse angeguckt. Amed leidet sehr unter dieser Vorverurteilung und bittet regelmäßig um ein Gespräch, wird aber 30 Tage lang vertröstet. Der ehrenamtliche Mitarbeiter wird zwischenzeitlich als Bundesfreiwilligendienstler eingestellt.

Amed bittet den Geschäftsführer erneut um das versprochene Gespräch, dieser meldet ihm zurück, der Bufdi wolle nicht an einem Klärungsgespräch teilnehmen und sähe auch keinen Grund dafür, weil der Konflikt kein Thema mehr in der Einrichtung sei. Als Amed daraufhin fragt, ob er dann wieder kommen könne, verneint der Geschäftsführer, das müsse er erst abklären.

Amed wartet weitere 10 Tage und hakt nach, ob eine Entscheidung gefallen sei. Als Reaktion darauf, bekommt er per Mail ein offizielles Hausverbot zugeschickt. Er entscheidet sich daraufhin dazu, die Situation in einem offenen Brief an die Flüchtlingshilfe öffentlich zu machen.

Der Brief erhält sehr viel Resonanz und die Flüchtlingshilfe antwortet mit einer Stellungnahme. Es gibt einen Artikel in der lokalen dänischen Tageszeitung. Die Stadt schaltet sich als Vorgesetzte des Bundesfreiwilligendienstlers ein und zwingt diesen dazu, an einem Mediationsgespräch mit Amed teilzunehmen.

In einem Interview mit der Welt äußert die Polizei die Vermutung, Amed habe den Konflikt lediglich inszeniert als Reaktion darauf, dass der freiwillige Mitarbeiter ihn wegen Unzuverlässigkeit gerügt habe.

Tatsächlich hat Amed bisher nur einen Begleitungstermin nicht wahrnehmen können. Er ist kurz davor operiert worden und hat plötzlich stark nachgeblutet und ist dadurch ausgefallen ohne absagen zu können. Er hat das aber sofort mit dem Betroffenen klären können und dem Termin schon lange vor dem Konflikt nachgeholt.

Das Mediationsgespräch kommt nach einigen Vorgesprächen erst am 23. Juni zustande. In der Zwischenzeit wird Amed weiterhin in der lokalen Community ausgegrenzt, erhält in den sozialen Medien aber überregional Unterstützung.

Das Mediationsgespräch verläuft ohne Ergebnis, ein weiteres Gespräch wird vereinbart, bei dem gemeinsam das Überwachungsvideo angeschaut werden soll. Nach dem Gespräch schickt die Flüchtlingshilfe eine Mail an jemanden, der diese Korrespondenz sofort auf Facebook veröffentlicht. Darin steht, Amed habe im Mediationsgespräch gesagt, er könne sich nicht mehr wirklich daran erinnern, ob er die Morddrohung gehört habe. Glücklicherweise hat Amed aber eine Zeugin und Tonbandaufnahmen des gesamten Gespräches, die belegen, dass er so etwas nie gesagt hat. Es bleibt fraglich, woher diese Falschinformation stammt.

Ende Juni erhält Amed die Mitteilung der Staatsanwaltschaft, dass das Ermittlungsverfahren eingestellt sei, weil weder das Beweismaterial noch die Aussagen der hauptamtlichen Mitarbeiter noch der arabischsprachigen Zeugen Ameds Darstellung bestätigt hätten und der Beschuldigte den Vorwurf widersprochen habe.

Amed findet über sein Netzwerk eine arabischsprachige Lippenleserin für das Überwachungsvideo. Das Ergebnis steht noch aus.

Am 5. Juli wird Amed von einem bisher befreundeten Kurden auf der Straße bedroht. Er solle aufhören, den Islam zu beschimpfen, sonst werde er ihn umbringen. Der Angreifer gibt die konkrete Drohung zwar nicht, aber seinen verbalen Angriff später in einer schriftlichen Nachricht zu.

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